Radbod-Friesenfürst-zum Namen der Zeche Radbod
Vom Friesenfürst Radbod erfahren wir hier etwas im Zusammenhang mit der Missionierung durch Willibrord:
WILLIBRORD, Heiliger, angelsächsischer Missionar, * 658 im südlichen Nordhumbrien (Deira), wohl Anfang November, + kurz nach vollendetem 81. Lebensjahr am 7. November 739 in Echternach (im heutigen Luxemburg). -
W.s Vater Wilgils stammte aus edelem angelsächsischem Geschlecht. Der Name von W.s Mutter wird nirgends in den Quellen überliefert. Um 664 wurde W. Klosteroblate in Ripon, wo Wilfrid von York sein erster Lehrmeister war. Mündig geworden, legte W. mit 15 Jahren (um 673) die Profeß ab und empfing das Mönchshabit. Wilfrid, der eifrige Verfechter der römischen Tradition, mußte in den Auseinandersetzungen mit den iroschottischen Bräuchen 678 sein Bistum York verlassen und appellierte an den Papst. - Im selben Jahr wurde W. vom Eifer der Pilgerschaft Gottes erfaßt. Er verließ die nordhumbrische Heimat; wie »viele aus dem Volk der Engländer« (Beda) begab er sich nach Irland. Im Kloster Rathmelsigi (erst kürzlich identifiziert als Cluain Melsige, heute Clonmelsh, Co Carlow) traf er die angelsächsischen Landsleute Egbert und Wigbert. Dort reifte der Plan, dem friesischen Volk das Christentum zu verkünden. Der heiligmäßige Egbert hatte ernstlich an die Friesenmission gedacht, aber widrige Umstände hielten ihn davon ab. Wigbert, ein anderer Angelsachse des irischen Klosters, hielt sich zwei Jahre als Missionar in Friesland auf, aber ohne Erfolg. - Nachdem Pippin II. durch den Sieg bei Tertry praktisch Alleinherrscher der Franken geworden war, wollte er sein Reich nach Norden ausdehnen.
689 besiegte er den Friesenkönig Radbod bei Duurstede, und das südliche Friesland fiel an die Franken. So wurde dem Christentum der Weg zu den Friesen eröffnet. W., der mit dreissig Jahren die Priesterweihe empfangen hatte, nutzte die Gunst der Stunde, verabschiedete sich von seinem zweiten Lehrmeister Egbert und nahm Kurs auf Friesland. Mit W. sollen es zwölf gewesen sein: Missionare, Schreiber, Handwerker, die im Spätherbst 690 übers Meer setzten. Nach Alkuin erfolgte die Landung an der Rheinmündung, nach Thiofrid in Gravelines. W. begab sich zunächst zu König Radbod auf der Burg Wiltaburg (Utrecht), aber der Fürst scheint nicht ansprechbar gewesen zu sein. Unmittelbar nachher suchte der Missionar den Frankenfürsten Pippin auf, der ihm den weltlichen Schutz zusicherte. Aber W. suchte auch die Verbindung mit dem Zentrum der Christenheit. So machte er sich 691/692 auf den Weg nach Rom zu Papst Sergius I., um sich den Auftrag und den Segen des Papstes erteilen zu lassen. W. ist der erste, der bei seiner Missionsarbeit die feste Bindung an Rom suchte: er ist päpstlich bestellter Glaubensbote. - Unterdessen waren W.s Mitarbeiter nicht untätig gewesen. Da man für bestimmte Weihehandlungen einen Bischof benötigte, wurde Suidbert nach England geschickt, wo er von Wilfrid die Bischofsweihe empfing. Dies geschah sicher nicht gegen den Willen W.s, durchkreuzte aber wahrscheinlich die Pläne Pippins. Suidbert blieb nicht bei den Friesen; er ging zu den Brukterern an Lippe und Ruhr. Dort hatte er nur mäßigen Erfolg und kehrte bald wieder auf fränkisches Gebiet zurück. Auf der Rheininsel Wörth gründete er das Kloster Kaiserswerth und starb dort im März 713.
- Unberechenbar blieb König Radbod, auch nachdem er mit Pippin in Familien-Beziehung getreten war. Die Heirat seiner Tochter Teutsinda mit Pippins Sohn Grimoald war eine politische Heirat, denn nach der Ermordung Grimoalds durch einen Friesen, entbrannte wieder die alte Feindschaft. Radbod hatte nicht nur Freunde bei den Friesen. Wursing, der Großvater Liudgers, aus friesischem Edelgeschlecht, hatte sich früh vom Christentum überzeugen lassen und wurde deshalb von Radbod verfolgt, so daß er flüchten mußte. Er war eine der ersten Stützen W.s unter den Friesen. W. knüpfte zunächst an die Arbeit von Amandus an, also im südlichen Teil des damaligen Friesland. In Antwerpen schenkte ihm Herzog Rohing wohl 693 die Peter und Paul Kirche. Sie wurde zum Missionsposten, denn auf dem Lande war das Heidentum noch weit verbreitet. Das missionarische Feld wurde unter die verschiedenen Mitarbeiter aufgeteilt, aber W. behielt die Gesamtleitung. - Dies sollte nach dem Willen Pippins auch der Papst bestätigen und W. zum Bischof weihen. Obwohl W. noch nicht das kanonische Alter von 50 Jahren erreicht hatte, machte er sich mit einem Empfehlungsschreiben Pippins auf den Weg nach Rom. Wahrscheinlich empfing W. am 21. November 695 in der Peterskirche von Sergius I. die Bischofsweihe. Der Papst bestellte ihn zum Erzbischof der Friesen, überreichte ihm das Pallium und gab ihm den römischen Namen Clemens. Damit war (in Anlehnung an das angelsächsische Modell von Canterbury) die Errichtung einer friesischen Kirchenprovinz ins Auge gefaßt, sowohl vom Papst als auch vom Frankenfürsten, der seine Herrschaft über ganz Friesland auszudehnen bestrebt war. W. ist der erste, der vom Papst, auf Bitten des Herrschers, mit der Organisation eines neuen kirchlichen Sprengels beauftragt wurde. Nach 14 Tagen verließ W. die Stadt Rom und kehrte reich beschenkt mit Reliquien, heiligen Büchern, Gewändern und sonstigen Kirchengeräten auf sein Arbeitsfeld zurück. Pippin schickte ihn in den nördlichen Teil seines Reiches, nach Utrecht, das als Bischofssitz auserwählt war. - Am 1. November 697 oder 698 (im 4. Regierungsjahr des Merowingerkönigs Childebert III.) schenkte Irmina, Äbtissin des Trierer Frauenklosteres S. Maria ad Horrea, dem Missionar W. ihren Besitzanteil der Villa Echternach. Irmina entstammte einer führenden und reich begüterten Adelsfamilie des Trierer Raumes; ob sie auch familäre Beziehungen zu Plektrudis, der Gemahlin Pippins II., hatte, wird wohl nie eindeutig zu klären sein. Echternach war damals keine unberührte und bewaldete Einöde. Aus spätantiker und fränkischer Zeit war noch viel erhalten. Zur Schenkung gehörte ein kleines Kloster (für Wandermönche bestimmt) und eine Kirche. Später nahm W. auf dem Eigengut Pippins und Plektruds eine Neugründung vor. Zwischen 704 und 706 hat W. sein Eigenkloster dem fränkischen Hausmeier übertragen; so war es dem Schutz und der Herrschaft der Pippiniden unterstellt, was 706 und 714 von Pippin und Plektrudis bestätigt wurde. Das Eigenkloster des Missionsbischofs W. wurde zum »karolingischen Hauskloster«. Unklar bleibt, ob das Kloster vor allem eine Aufgabe bei der Missionierungsarbeit erfüllen sollte (etwa als Ausbildungsstätte), oder eher als Ort der Kräfteerneuerung und letzte Ruhestätte gedacht war. Mit dem Kloster war eine Wohltätigkeitsanstalt (Xenodochium) verbunden. - W. unternahm gelegentlich Missionsversuche in die noch völlig heidnischen Gebiete des Nordens. Belegt ist eine Fahrt (wohl in den ersten Jahren des 8. Jhs) zu den friesischen Inseln und das heutige Schleswig, meist als Dänenfahrt bekannt. Dort gelang es ihm, vor den berüchtigten Herrscher Ongendus zu treten, aber ohne missionarischen Erfolg. Er konnte dagegen 30 Knaben freikaufen und mitnehmen, die in seiner Missionsschule (Utrecht oder Echternach) ausgebildet wurden. Auf der Rückfahrt wurde das Schiff des Missionars von einem Sturm auf eine Nordseeinsel verschlagen. Es war das Land der heidnischen Gottheit Fosites, wahrscheinlich Helgoland. Dort entging W. nur knapp dem Tode, weil er einige Rinder des Heiligtums geschlachtet und an der heiligen Quelle getauft hatte. - In der ersten Periode der Friesenmission wirkte W. hauptsächlich im südlichen Teil, in Nordbrabant (Toxandrien), wo ihm mächtige Grundbesitzer viele Güter schenkten. Da andere Quellen fehlen, kann W.s Missionsfeld an Hand dieser Schenkungsurkunden abgesteckt werden. An Vorhandenes wurde angeknüpft und erfolgreich darauf weitergebaut. W. war ebenfalls im Maingebiet und in Thüringen tätig. Am 8. Mai 704 hält er sich in Würzburg auf (Weihe der Kirche auf dem Kastell), wo ihm Herzog Heden und seine Frau ihre Güter tradieren. - Im April 714 wurde Pippins Sohn Grimoald in Lüttich von einem Friesen ermordet, als er den kranken Vater besuchen wollte. Pippin starb am 16. Dezember 714. Plektrudis wollte die Regentschaft für Grimoalds unmündigen Sohn Teudvald übernehmen und ließ Karl Martell, einen weiteren Sohn Pippins aus einer Nebenverbindung mit Alpais, in den Kerker sperren. Karl Martell konnte aus dem Gefängnis fliehen und seine Gegner, mit denen sich auch Radbod verbündet hatte, am 28. März 717 in der Schlacht bei Vincy besiegen. Er setzte sich als Herrscher und Nachfolger Pippins II. durch. W., der sich ernste Sorgen um sein Missionswerk machte, schlug sich nunmehr auf die Seite Karl Martells; dessen Sohn Pippin (den späteren König Pippin III.) durfte er die Taufe spenden. - Radbod zog sich wieder in die nördlichen Gebiete zurück und starb 719. W. konnte die Mission auf friesischem Boden von neuem beginnen, zeitweilig unterstützt vom Angelsachsen Wynfrid (dem späteren Bonifatius). Das Arbeitsfeld wurde bis zum Niederrhein hin ausgedehnt. Andere Bischöfe standen W. auf dem friesischen Missionsfeld zur Seite. Da aber keine Städte bestanden, die als Bischofssitz in Frage kamen, waren es Landbischöfe, die auch Chorbischöfe genannt werden. Zur Errichtung einer friesischen Kirchenprovinz ist es nicht gekommen. - Die guten Beziehungen zu den jeweiligen Machthabern begünstigten das Werk W.s in hohem Maße. 726 weilte W. in Echternach, wo er seiner Stiftung alles schenkte, was ihm die freien Franken, die Mitglieder des pippinischen Hauses, insbesondere Karl Martell vermacht hatten, einschließlich der Güter in Toxandrien. Am 7. November 728 schrieb W., der sein 70. Lebensjahr vollendet hatte, die wenigen von ihm erhaltenen Worte an den Rand der Novemberseite seines Kalenders. - Von der Missionsmethode ist nur weniges bekannt. Man darf aber annehmen, daß die Prinzipien, die Papst Gregor I. den Missionaren nach Angelsachsen mitgegeben hatte, auch von den angelsächsischen Glaubensboten befolgt wurden. W. war ein Mann der Tat, der aber mit Güte und Wohlwollen vorging, worauf sein römischer Name wohl hinweist. Ein halbes Jahrhundert hat er große Teile Europas durchwandert: von Utrecht nach Rom, über Echternach und Trier; vom nördlichen Frankenreich bis nach Thüringen. Er war ein Mann von asketischer Einfachheit, ausgestattet mit unbändiger Energie, begeistert für die Sache Gottes. Durch Mißerfolge und Enttäuschungen ließ er sich in seiner Arbeit nicht hemmen; die ihm zugeschriebenen Wunder (vor allem von Alkuin) zeigen auf einen wohltätigen Menschen hin. Dem Ideal der Gottespilgerschaft blieb er treu; seine Heimat hat er nie wieder gesehen. - Die letzten Jahre scheint er weitgehend in seiner Gründung Echternach verbracht zu haben. Dort starb er, nach der zuverläßigsten Überlieferung, am 7. November 739; er wurde zunächst in einem Bodengrab hinter dem Altar seiner Klosterkirche beerdigt. Nach seinem Tode setzte ein ständig wachsender Pilgerstrom zu seinem Grabe ein. Um die Mitte des 8. Jhs fand die Erhebung seiner sterblichen Überreste statt und wurden in einem Prunkgrab in Verbindung mit dem Hauptaltar beigesetzt, was damals einer Heiligsprechung entsprach. Das Grab des Friesenapostels ist bis heute ein viel besuchter Wallfahrtsort; die Springprozession am Dienstag nach Pfingsten ist ein weltweit bekannter Ausdruck für die Verehrung des Friesenapostels. W.s Kloster wurde zu einem kulturellen Zentrum, das einmalige Glanzleistungen hervorbrachte. Das Echternacher Skriptorium kannte vor allem zwei Blütezeiten: im frühen 8. und im 11. Jh. Es gab aber auch Perioden des Niedergangs und des Zerfalls, vor allem im Spätmittelalter.
fr Mittelalters, Band IX, München 1998, Sp. 213 (S. Schipperges).
Emile Seiler




















